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" Heimatverein - Lüttenglehn " e.v.
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                        Der Heimatverein Lüttenglehn

Es mag wohl in der geographischen Lage des Dorfes zwischen den “großen” Nachbarn Grefrath und Glehn begründet sein, dass die Bürger Lüttenglehns im Laufe der Jahrhunderte ein gesundes Selbstbewußtsein entwickelt haben.

Diese Eigenschaft wird wohl auch der Grund dafür gewesen sein, dass sich fünf Jahre nach dem schrecklichen Zweiten Weltkrieg der Wunsch regte, wieder Freude und Frohsinn ins Leben einkehren zu lassen. Man begann, sich Gedanken über ein eigenes Dorffest zu machen. “Was Grefrath im Frühjahr und Glehn im Spätsommer mit ihren traditionellen Schützenfesten auf die Beine stellen, wird man doch wohl auch in Lüttenglehn zustande bringen.” Diese Gedanken wurden im Sommer des Jahres 1951 in die Tat umgesetzt.

Am 17.07.1951 traf man sich wohl vorbereitet in der Dorfschenke Blumenhof an der Ecke Landstraße/Oberstraße, um einen Verein mit entsprechender Zielsetzung zu gründen.

Insgesamt 37 gestandene Männer des Dorfes waren es letzlich, die ihre Unterschrift auf der Gründungsurkunde hinterließen. Neben der Ausrichtung des eigenen Dorffestes wurde als Leitmotiv des Vereins die Pflege im Ort vorhandenen Kulturdenkmäler und die Förderung der Dorfgemeinschaft festgeschrieben. Hiervon ausgehend ergab sich dann auch die Namensgebung des Vereins. Man nannte sich “Heimatverein Lüttenglehn”.

Der Verein gliedert sich in die sogenannten Heimatzüge, in denen sich satzungsgemäß gleichgesinnte, männliche Bürger ab dem 16. Lebensjahr zusammenfinden.

Wie in jedem Verein üblich, wurden auch hier Männer gewählt, die den Verein zu führen hatten. Es waren dies u.a. der  Präsident, der Schriftführer, der Kassierer und der Oberst, der insbesondere für den reibungslosen Ablauf des Heimatfestes verantwortlich zeichnete.

Von dem eingangs erwähnten Selbstbewußtsein zeugt auch, dass bereits knapp vier Wochen nach Gründung der erste Umzug durchs Dorf zog. Stolz zeigte man an: “M’r send och jet”! Das Heimatfest begann am 10. August 1951 und wurde spontan von der gesamten Dorfgemeinschaft, vielen Besuchern und geladenen Gästen der Nachbarorte angenommen. Es war dem Heiligen Rochus gewidmet, der seit Errichtung der Lüttenglehner Rochus-Kapelle im Jahre 1771 als Dorfpatron betrachtet werden darf. Man hatte auch mit der Terminwahl Glück. Um mit keiner anderen Dorfgemeinschaft in Konflikt zu geraten, hatte man das einzige im Umkreis noch festfreie Wochenende, nämlich das zweite Wochenende im August, für die Festlichkeiten bestimmt. Genau zu dieser Zeit wird im kirchlichen Kalender auch des hl. Rochus gedacht.

Was aber ist das schönste Fest ohne einen entsprechenden Repräsentanten? Natürlich brauchte man einen König mit Hofstaat. Der Verein dokumentierte auch hier seine Unabhängigkeit, indem er dem König nicht mit dem in Schützenkreisen üblichen Vogelschuss ermittelte. Zur Feststellung des “Monarchen” entschied man sich für das “Hahneköppen”. Hierbei handelt es sich um einen alten Brauch, der vom Rheinland bis zum Bergischen Land gepflegt wird. Die Heimatkundigen streiten sich noch heute über den Ursprung dieser archaisch anmutenden Sitte. Die Einen sagen, es handelt sich um eine Kulthandlung der alten Germanen, während die Anderen es als versteckten Angriff auf das Nationalsymbol der französischen Besatzer unter Napoleon (dem gallischen Hahn) betrachten. Letzteres jedenfalls entspricht durchaus der Mentalität des Rheinländers. Man erinnerte sich also dieses schon früher geübten Wettstreits zur Ermittlung seines Königs. Hierzu wurde in den Boden des Festplatzes eine Achse senkrecht eingegraben, auf die ein Karrenrad drehbar angebracht wurde. Hierauf wiederum wurde mittig eine Leiter befestigt, so dass auf den beiden Enden der Leiter jeweils ein Kandidat sitzend Platz finden konnte. Seitlich über diesem “Karussell” wurde ein Weidenkorb aufgehängt, den die Königsbewerber vom sich drehenden Rad mit einem Holzschwert gerade erreichen konnten. Aus einem Loch im Boden des Korbes hing der Kopf eines vorher fachmännisch getöteten Hahns, den es abzuschlagen galt. Wer dies geschafft hatte, durfte sich für ein Jahr lang Hahnenkönig nennen und repräsentierte das Dorf im Laufe des kommenden Jahres bei vielen auswärtigen Anlässen. Ihm zur Seite stand seine Königin (im Regelfalle seine Ehefrau) sowie die von ihm bestimmten Minister und deren weibliche Begleiterinnen.

Schon nach wenigen Jahren stellte sich heraus, dass für einen reibungslosen und wetterunabhängigen Ablauf der Festlichkeiten die bisherigen Standorte, nämlich die freie Natur und der Festsaal bei Müller nicht mehr ausreichten. Man entschied sich, ein Zelt anzumieten. Hiervon war jedoch nicht zuletzt aus Platzgründen der Ablauf des “Hahneköppens” betroffen. Die jeweiligen Aspiranten standen nunmehr mit verbundenen Augen unter einem von der Decke des Zeltes frei hängenden Metallkorb, der vom Vereinsmitglied Franz Jägers extra für diesen Zweck gefertigt wurde.

Auch hier galt es, mit einem Holzschwert den unten heraushängenden Kopf des toten Hahnes abzuschlagen. Dieses Verfahren wird bis zum heutigen Tage praktiziert. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass in den achtziger Jahren kurzfristig die Gefahr bestand, dass der Brauch des “Hahneköppens” amtlicherseits verboten werden sollte. Ein aus der Stadt zugezogener Journalist hatte in überregionalen Zeitung völlig überzogen und sensationslüstern über ein “blutiges Schauspiel” berichtet und hatte damit die Tierschützer auf den Plan gerufen. Gott sei dank verebbten diese kritischen Stimmen aus der Großstadt schon bald.

Wie schon erwähnt, hatte man sich für eine von den Schützenbruderschaften unabhängige Ausgestaltung des Festes entschieden. Gleichwohl wurden Stimmen laut, dass man sich aus Anlass des Rochusfestes in entsprechend zu fertigende Uniformen kleiden sollte. Es konnten sich jedoch die Meinungen derjenigen durchsetzen, die auf Unabhängigkeit, auch in der Kleiderordnung, bestanden. Jedermann hatte seinen bürgerlichen schwarzen Anzug im Schrank, den man sonst zu allen Anlässen feierlicher oder trauriger Natur trug. Nicht zuletzt aus Kostengründen wurde dieser Anzug für die Honoratioren des Vereins zur “Festtagskluft” auserkoren. Hierzu gehörte in den Anfangsjahren auch noch der unvermeidliche, glänzende Zylinderhut. Auch diese Kleiderordnung hat bis zum heutigen Tag Bestand. So stand einmal in der Neuss-Grevenbroicher-Zeitung nach einer Einladung in Büttgen: “Die Lüttenglehner erschienen in ihrem bürgerlichen Schwarzen.”

Mit dreifachem Böller wird bis zum heutigen Tag samstags pünktlich um 12:00 Uhr das Rochusfest an der Kapelle “eingeschossen”. Diese Aufgabe wird seit 1975 auf Initiative des damaligen Königs Willi Oerdinger von der Artillerie aus Kapellen mittels eines stattlichen Geschützes wahrgenommen. Vorher dienten hierzu Feuerwerksböller.

Der Fehlerteufel hatte sich einmal in das Ablaufprotokoll eines Heimatzuges eingeschlichen:

Durch das Vergessen des kleinen Wörtchens “an” stand dort zu lesen:

“Samstag 12.00 Uhr: Einschießen der Kapelle”.

Spätestens durch den spätnachmittaglichen Umzug des Tambourkorps “Blüh auf Glehn” weiß jeder Lüttenglehner:

“Es ist Heimatfest”.

Der Ablauf des Heimatfestes stellt sich bis heute wie folgt:

Die Zeit nach der Eröffnung der Festlichkeiten am “Kirmessamstag” gehört den Heimatzügen für interne Angelegenheiten. Zum Beispiel wird den im Vorfeld des Festes ermittelten Zugköniginnen ein “Mai” gesetzt. Ein mit bunten Papierbändern geschmückter Birkenbaum wird mit einem entsprechenden Schild vor der Haustür des zu Ehrenden aufgestellt. Diese Ehrung wird auch den Ministern des Hahnenkönigs, dem Oberst sowie dem Präsidenten des Vereins zuteil. Erst zum samstaglichen Festball mit Musik findet sich die Dorfgemeinschaft zusammen.

Der Sonntagmorgen gilt zunächst der christlichen Andacht in Form einer gemeinschaftlichen Messe in den Festräumen, die sich zeitweilig auch in der Tütenfabrik an der Landstraße befanden. Diese kleinindustrielle Halle zur Herstellung von Papierverpackungen gab einigen Lüttenglehnerinnen und Lüttenglehnern Arbeit. Sie existiert heute aber nicht mehr. Heute finden die Feierlichkeiten komplett in einem angemieteten Festzelt statt. Nach der Messe findet man sich zu einem gemeinschaftlichen Frühschoppen zusammen.

 

Außerdem wird der Sonntagmorgen auch noch zur Ehrung der Vereinsmitglieder genutzt, die dem jeweiligen König besonders hilfreich zur Seite standen oder die ein Vereinsnachmittäglichen Festakt vorzubereiten. Dann werden im Festzelt die geladenen Honoartioren aus Gemeinde, Kirche und Politik empfangen. Anschließend wird an der Rochus-Kapelle der Gefallenen der beiden Weltkriege mit einem feierlichen Festakt gedacht. Im festlichen schwarzen Anzug wird danach mit viel Musik durchs ganze Dorf marschiert. Durch die bunten Uniformen einiger Gastzüge und Musikkapellen wird den zahlreichen Zuschauern am Straßenrand ein imposantes Bild geboten. Ziel des Umzuges ist das Festzelt, wo mit den Ehrengästen gefeiert wird.

Der Abend gilt wieder dem Frohsinn und der Tanzeslust. Häufig kommt es zu mehrfacher Verlängerung der vertraglich vereinbarten Spielzeit der Tanzmusik, weil die Stimmung auch um 02.00 Uhr nachts nicht weichen will. Um so größer ist dann der “Kater” am Montagmorgen, wenn schon früh die Glocke der Rochus-Kapelle zu einer kleinen Andacht ruft. Aber auch hier gilt, wie für das gesamte Fest:

“Teilnahme ist Pflicht”! Anschließend trifft sich der Verein zugweise zum Frühschoppen, zu dem die Frauen bzw. die Freundinnen der Vereinsmitglieder ein zünftiges Katerfrühstück auftischen und bei dem schon häufig die Namen der Königsbewerber kursieren.

Der Montagnachmittag gehört zunächst den Kindern. Durchgeführt von einem oder zwei Heimatzügen findet die zahlreich besuchte Kinderbelustigung statt. Für Kinder aller Altersklassen werden lustige Wettbewerbe ausgerichtet, bei denen es aber keine Verlierer gibt. Es gibt wohl kaum einen Lüttenglehner zwischen 5 und 60 Jahren, der nicht schon mal in einem Kartoffelsack über die Festwiese oder durch die Festhalle gehüpft bzw. auf die “Reise nach Jerusalem” gegangen ist.

Wenn alle Preise verteilt sind und der jeweilig amtierende König den Kindern eine oder mehrere Freifahrten auf dem Karusell spendiert hat, wird es langsam spannend. Zunächst geht es einem Preishahn an den “Kragen”. Hierbei können sich diejenigen bewähren, die noch nicht bereit oder in der Lage sind auf den Königshahn zu schlagen. Die Bewerber auf den Preishahn werden durch vorher zu kaufende Lose ermittelt. Der Sieger dieses Wettbewerbs kann mit einem stattlichen Fass Bier als Preis rechnen. Zwischenzeitlich hat sich das Zelt gefüllt und nach diesem Vorgeschmack steigt die Spannung ins Uferlose. Unter lautem Gejubel werden die Namen der Bewerber für den Königstitel verlesen und anschließend beginnt der Wettbewerb. Die Dramaturgie dieses Geschehens lässt sich nicht in geeignete Worte fassen. Dieses Schauspiel muss man einfach gesehen haben.

Am späten Nachmittag steht endlich der neue König fest. Sofort nach dem letzten Schlag sieht man die Zugmitglieder des glücklichen Gewinners aus dem Zelt verschwinden, um in der zukünftigen Residenz einen kleinen Umtrunk für die Vereinsmitglieder zu organisieren. Das geschieht natürlich nicht unvorbereitet aber mit einer solchen Geschwindigkeit, dass Außenstehende schon mal den Verdacht geäußert haben, der König habe schon vorher festgestanden. Das ist natürlich nicht der Fall, sondern hier zahlt sich jahrelange Erfahrung der verschiedenen Heimatzügen aus.

Nachdem alle Mitglieder und Bekannte des neuen Königs diesem gratuliert haben, ruft der Oberst zum Sammeln auf der Landstraße. Der gesamte Verein marschiert nunmehr zur künftigen Residenz, wo ein oder zwei kühle Biere warten. Viel Zeit des Feierns an diesem Ort bleibt jedoch nicht. Bei aller Freude über den neuen König, die nächsten Stunden gelten dem amtierenden König und dessen Hofstaat.

Am Abend treffen sich geladene Ehrengäste des Königs mit Damen sowie der gesamte Verein in festlichem Gewand zum schönsten aller Umzüge durchs Dorf. Der anschließende Ball gilt ausschließlich der Ehrung des amtierenden Königs, der Königin, der Minister und deren Ministerinnen.

Auch hier gilt meistens: “Ende offen”.

Mit einem Katerfrühstück oder Fischessen am nächsten Morgen lassen viele Züge das Heimatfest endgültig ausklingen. Für den Verein aber ist das Fest nur teilweise abgeschlossen. Denn noch gilt es, den neuen König mit Anhang in sein Amt einzuführen. Dies geschieht im Oktober mit einem extra hierfür ausgerichteten Krönungsfest. Das Königssilber, welches im Laufe der Jahre auf stattliche Größe angewachsen ist, wird vom “alten” an den neuen König übergeben. Anschließend wird bei fröhlicher Musik bis in die Morgenstunden gefeiert.

So hat sich das Rochusfest im Laufe der Jahre einen festen Platz im Festkalender des Kreises Neuss gesichert.

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